Posted on Hozzászólás most!

Ö. A.: Nationalismus, Supranationalismus, Konnationalismus

Megjelent: Út és Cél, 1956. évfolyam.
Megjelent: Út és Cél, 1956. évfolyam.

Politische Ideen und in der Politik gebräuchliche Begriffe teilen im allgemeinen das Schicksal ihrer Künder und Anhänger: Entweder kommen sie mit ihnen zur Geltung oder sie erleiden mit ihnen eine Niederlage. Wenn sie siegreich sind und ihre ersten Verkünder überleben, wenn sie von neuen Generationen, anderen politischen Richtungen und gesellschaftlichen Schichten übernommen werden, erfahren ihr Inhalt und ihre Bedeutung nicht selten eine Änderung, eine Umgestaltung. Seit dem Sieg der mit der Französischen Revolution anbrechenden Massendemokratie sind die politischen Ideen von vornherein einem schnelleren Abnutzungsprozeß unterworfen. Die Massen denken in erster Linie in Worten und Schlagworten und nicht in Begriffen. Sie neigen dazu, die Ideen und Begriffe zu bloßen Schlagworten zu degradieren; diese ihre Neigung wird von den „demokratischen Führern”, die um ihre Gunst buhlen, noch wirkungsvoll unterstützt. Die letzten eineinhalb Jahrhunderte sind das Zeitalter der schnellen Abnutzung von Ideen, Idealen und moralischen Werten. So viele haben von ihnen Gebrauch gemacht, sich auf sie berufen und sie mißbraucht, daß es gar nicht wundernimmt, wenn sie ihren ursprünglichen Inhalt und Sinn, ihre ursprüngliche Bedeutung und Glaubwürdigkeit verloren haben. Wenngleich diese Erkenntnis enttäuschend und desillusionierend ist, hat sie auch eine tröstliche Seite: der Abnutzungsprozeß geht nämlich nur auf der Oberfläche, auf dem Niveau der Massen und der Schlagworte vor sich. Er berührt aber nicht die inhaltliche Substanz der Ideen. Es kommt auch nicht selten vor, daß die Massen nur die einzelnen Worte und Schlagworte vertauschen: alten Phänomenen geben sie neue Namen, alte Inhalte kleiden sie in neue Ausdrücke, und alte Voreingenommenheit versehen sie mit dem Schild neuer Argumente. Und all das zusammen ergab das unentwirrbare und leidige begriffliche Durcheinander, die ideelle Verwirrung und das ideologische Chaos unserer Epoche.

Kaum eine Idee hat unter diesem Durcheinander mehr gelitten als die des Nationalismus. Gestern haben noch Millionen auf sie geschworen, heute wird sie von ebenso vielen verunglimpft. Verunglimpft, aber zur gleichen Zeit wird ihr praktisch gehuldigt: Nichts wäre geeigneter, die Inkonsequenz der als öffentliche Meinung verherrlichten öffentlichen Voreingenommenheit zu offenbaren. Wenn heute jemand Patriotismus sagt, ist es gewiß, daß er Nationalismus meint, und wenn er Nationalismus sagt, daß er Chauvinismus meint — der ursprüngliche Inhalt dieser drei Begriffe hat im öffentlichen Bewußtsein eine solche große Verschiebung erfahren, und zwar aus dem einzigen Grunde, weil das im zweiten Weltkrieg besiegte Deutschland im Namen des Nationalismus eine in mancher Hinsicht chauvinistische Politik getrieben hat. Und es geschieht aus demselben Grunde, daß die Siegermächte heutzutage ihre nationalistische, ja sogar ihre chauvinistische Politik mit dem Attribut und Schlagwort „patriotisch” vor der eigenen und der Weltöffentlichkeit tarnen.

Wenn aber diese patriotischen Nationalisten oder nationalistischen Patrioten den begrifflichen Inhalt dieser zwei Worte näher untersuchen würden, müßten sie zu der Feststellung kommen, daß beide weitgehend identisch sind und zwei Seiten einer und derselben Medaille bilden. Beide haben eine gefühlsmäßige, emotionelle Grundlage. Das Vaterland, die Patria, wo der Mensch geboren wurde und aufwuchs, die Heimat, wo er heimisch ist, an die ihn seine Lebensinteressen, Erlebnisse und Erinnerungen binden, stehen seinem Herzen natürlicherweise näher als fremde Länder, fremde Patriae, in welchen man höchstens als Reisender oder überhaupt nicht war. Es besteht eine enge Bindung zwischen dem Menschen und dem Schauplatz seines Lebens; wenn diese Bindung ihm bewußt und zum Wertbegriff wird, wenn sie einen ideologischen Charakter annimmt und eine ideologische Bedeutung gewinnt, wird sie zum Patriotismus. Der intellektuelle und psychologische Prozeß der Bewußtwerdung hat zum Ergebnis, daß der Mensch sein eigenes Vaterland bewußt mehr liebt als die Vaterländer anderer, daß er seine Aufwärtsentwicklung, seinen Aufschwung und sein Aufblühen stärker wünscht, daß er es hervorragender wissen und machen möchte, als andere Länder sind. Der echte Patriotismus ist nicht das Produkt einer beschränkten nationalen Überheblichkeit, Voreingenommenheit und Selbstüberschätzung, wie sie im ungarischen Spruch „extra Hungáriám non est vita” zum Ausdruck kamen; er ist viel eher das Ergebnis einer Betrachtungsweise wie der von Graf István Széchenyi[1], der, von der wirklichen Lage seiner Zeit ausgehend, festgestellt hat, daß „Ungarn ein großes Brachland”, ein „zurückgebliebenes Vaterland” sei, dessen Weiterentwicklung unsere allererste Pflicht ist: „Wenn überhaupt irgend etwas dieses Vaterland zum eigenen Glück und zum Ruhme seines Herrgotts noch aufrichten kann, so kann das nichts anderes als Nationalgefühl und allge meine geistige Bildung sein.”

Auch aus dieser These von Graf Széchenyi wird die selbstverständliche Tatsache klar, daß Vaterland und Nation zwei voneinander untrennbare, eins aus dem andern sich ergebende und sich gegenseitig bedingende Begriffe und Wirklichkeiten sind. Die bewußt gewordene und ideologischen Charakter tragende Liebe zu ihnen, den Patriotismus und den Nationalismus, kann deshalb nur eine vollständig verrenkte, von der Wirklichkeit und vom Natürlichen ganz und gar abgewandte Auffassung voneinander unterscheiden und zwischen ihnen Gegensätze konstruieren. Genau das ist es, was die heutigen demokratischen Wortführer tun. Und die „demokratische” öffentliche Meinung hat diese, eine in sich Widerspruch bergende, unhaltbare Ansicht von ihnen übernommen und nachgeplappert. Wie könnte man denn den geographischen Raum des Vaterlandes von der in ihm lebenden Nation trennen! Das Vaterland ist ja nicht irgendeine geographische Räumlichkeit oder Einheit, sondern die Heimat einer Nation. Es ist gleichzeitig Voraussetzung und Produkt des nationalen Seins, des Nation-Seins. Die Entstehung des Nationalgefühls, des nationalen Selbstbewußtseins ist identisch mit der des Patriotismus: Jene Nation, in die wir hineingeboren wurden, deren Sprache wir sprechen, deren Kulturschätze unser eigenes Ich bereichern, mit der uns geschichtliche, geistige und kulturelle Bande verbinden, steht unserm Herzen näher als andere, fremde Nationen. Die bewußt und ideologisch gewordene Form dieser gefühlsmäßigen Bindung ist das Nationalgefühl und Nationalbewußtsein, mit einem Fremdwort ausgedrückt: der Nationalismus. Wir sind Mitglieder einer Nation, Erben und Fortsetzer einer jahrtausendealten organischen Entwicklung, wurden hineingeboren in eine politische, geistige, historische Schicksalsgemeinschaft, deren Aufblühen, moralische, kulturelle, politische, wirtschaftliche und biologische Stärkung wir auch als unser persönliches Anliegen betrachten. Der Nationalismus ist die Ideologie der zum Bewußtsein erwachten, in der eigenen Existenz einen Selbstzweck erblickenden, von Lebenswillen durchdrungenen Nation. Ohne ihn kann es im besten Fall ein Volk, aber keine Nation geben.

Aus dieser Definition des Begriffes folgt, daß der Nationalismus sich primär auf die eigene Nation richtet, sich auf sie bezieht und beschränkt, sich gleichsam nach innen wendet, sich selbst zuwendet. Sein Ziel ist eine je. umfassendere und intensivere Erschließung der eigenen Kraftquellen. Der Chauvinismus ist demgegenüber nach außen gerichtet, er ist aggressiv und angriffslustig, er will die eigene Nation auf Kosten und durch Benachteiligung der anderen stärken. Während die Konsequenz des „nach innen gewandten” Nationalismus der Sozialismus ist, geht der „„nach außen gewandte” Chauvinismus mit dem Imperialismus Hand in Hand. Der Chauvinismus will die Nation nicht aus den eigenen, noch unerschlossenen Kraftquellen, sondern aus dem territorialen oder materiellen Besitz anderer bereichern, Seine Kennzeichen sind einerseits Voreingenommenheit für die eigene Nation, Blindheit gegenüber ihren Fehlern, eine grenzenlose und zugleich von Beschränktheit zeugende nationale Überheblichkeit, und andererseits Unbilligkeit, Habsucht und verletzender Hochmut gegenüber anderen Nationen.

Der Chauvinismus tritt gewöhnlich im Gewand nationalistischer Parolen und Ideologien auf, weil er sich den Schein zu geben bestrebt ist, daß er rechtmäßig und gerechtfertigt ist. Teilweise ist es diesem Umstand zuzuschreiben, daß der Nationalismus an Ansehen und Glaubwürdigkeit eingebüßt hat, obwohl er vom Chauvinismus begrifflich scharf zu unterscheiden ist und auch unterschieden werden kann. Das hat die oben umrissene Definition erwiesen. Ihre Abgrenzung in der politischen Praxis ist nicht ganz so einfach, aber die schärferen, eklatanteren Formen des Chauvinismus sind auch hier ohne Schwierigkeiten zu erkennen.

In den auf den zweiten Weltkrieg folgenden Jahren ist unter dem Patronat der westlichen liberalen Demokratien eine breitangelegte politische und propagandistische Kampagne zur „Überwindung des Nationalismus” geführt worden. Die eine Wurzel dieser Kampagne ist zweifelsohne jener traditionelle Internationalismus gewesen, dem die weltanschaulich verwandten Ranken des internationalen Kapitalismus und des internationalen Marxismus entwachsen sind. Der psychologische Boden für sie ist aber von der Erschütterung vorbereitet worden, die, in erster Linie in den europäischen Nationen, die fürchterliche Verwüstung des zweiten Weltkrieges und die auf sie folgende geistige, moralische und materielle Not ausgelöst haben. Hinzugekommen ist der ganz Eurasien mit Vertilgung bedrohende Machtzuwachs von Sowjetrußland. Im Schatten der riesengroß gewordenen bolschewistischen Gefahr ist der chauvinistisch geartete Hader der westlichen Länder mit einem Schlage als ein aus kleinlichen Motiven geborener Selbstmordversuch erschienen. Die europäische und weltpolitische Lage hat sich von Grund auf geändert. Die Pole der weltanschaulichen und politischen Spannungen unserer Epoche haben sich aus dem Feld vielseitiger nationaler Gegensätze in den zweiseitigen, universellen Antagonismus zweier riesenhafter Machtblöcke verlagert. Dieser neuen Lage mußten sich die Nationen in ihrer Politik und ihrer Selbstauffassung anpassen.

Die ersten diesbezüglichen versuche haben mit einem Mißerfolg geendet. Denken wir nur an die Pläne beziehungsweise Institutionen, die etwa unter den Bezeichnungen „Europäische Union”, „Europäische Integration”, „Europäische Verteidigungsgemeinschaft”, „Vereinigte Staaten von Europa”, „Europarat” u. a. m. aufgetreten sind und deren gemeinsamer Nenner das sogenannte „supranationale Prinzip” geworden ist. In dieses europäische „Einheitsbouquet” gehört auch die „Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl” (Montanunion), von der bereits nach den ersten Jahren ihres Bestehens offenbar geworden ist, daß sie für weitere Einheitsbestrebungen kaum als Vorbild wird dienen können. Woran sind all die bisherigen europäischen und westlichen Einigungsversuche gescheitert? — Wir können getrost behaupten: am verfehlten prinzipiellen Ausgangspunkt. Ihr gemeinsamer Fehler war, daß sie, statt des Chauvinismus, gegen den Nationalismus, die nationale Idee, das nationale Bewußtsein ins Feld zogen und die organisch entwickelten nationalen Gebilde, angefangen bei den Staaten bis zu den Nationalwirtschaften und Kulturen, in einem über- oder „supranationalen” Eintopf vermengen wollten. Nicht die Nationen wollten sie zusammenfassen, sondern sie waren bestrebt, die Nationen auszuschalten, von ihnen zu abstrahieren, sie in etwas völlig Neuem, nationlos Universellem aufzulösen. Die supranationale Konzeption versuchte die Nationen und Nationalismen zu ignorieren. Mit dieser Absicht mußte sie aber Schiffbruch erleiden, weil sie in Widerspruch zu der menschlichen Natur, den Gegebenheiten historischer Entwicklung, dem organischen Wesen der Gemeinschaftsbildung geriet. Gemeinschaften höherer Ordnung können nur auf der Grundlage der elementaren aufgebaut werden; Zwischenstufen können nicht einfach übersprungen werden. Familie, Nachbarschaft, Kirchengemeinde, Verein, Betrieb, Gemeinde, Landschaft, (Mundarten!), Volk und Nation: all dies sind einzelne, von unten nach oben verlaufende Stufen des gemeinschaftlichen Ordnungsgebäudes. Ohne sie kann kein mehrere Nationen unter sich vereinigendes Dach gezimmert werden. Der Supranationalismus versagte wegen der Ignorierung des Nationalen und des Nationalismus.

Nach der Abkühlung des anfänglichen „europäischen” Rausches beginnt diese Einsicht in immer breiteren Kreisen um sich zu greifen. Charakteristisch für die Einschüchterung ist die Artikelserie, die in der ersten Hälfte vom November 1955 aus der Feder von Hans Fleig in dem Züricher Blatt „Die Tat” unter dem Titel „Europäismus und Nationalismus” erschienen ist. In dieser Artikelserie, die manche sehr interessante und bestreitbare Thesen enthält, auf die wir hier jedoch nicht eingehen können, bezeichnet Fleig den „Nationalismus als Erscheinungsform des Europäismus”. „Die Nationen Europas können ihre Geschichte der letzten Jahrhunderte sämtlich auf einen einzigen Nenner bringen: Zerbrechung der noch vorhandenen übernationalen gemeinsamen Herrschaftsformen”. Der Verfasser verweist in diesem Zusammenhang auf den Zerfall des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, auf das Fiasko der Bestrebungen Napoleons und Hitlers, Europa zu einigen, und fährt dann wie folgt fort: „Charakteristisch für Europa wäre also die Herauskristallisierung des Nationalen, und zwar je ausgeprägter, je mehr die Schrumpfung der Distanzen, die technische Bewältigung des Raumes, eine völlig gegenteilige Entwicklung als wahrscheinlich vermuten ließe.” Die Einigungsbestrebungen im Nachkriegs-Europa sind laut Verfasser aus überaus heterogenen Quellen gespeist worden: im von seiner Niederlage erschütterten Deutschland ist in neuer Form („Abendland”) der historische, übernationale Reichsgedanke wach geworden, die Idee eines „Heilsreiches”, das in seinem Wesen eher „asiatischen” als europäischen Ursprung ist; in den anderen westeuropäischen Ländern hat sich die Integrationsbewegung jedoch beinahe ausschließlich auf die Fesselung der Deutschen gerichtet, um mittels eines supranationalen Gebildes die Wiedererstehung des deutschen Nationalstaates zu verhindern. Dieser antideutsche „Supranationalismus” ist also aus einem unverfälschten Nationalismus geboren worden (auch Fleig verwechselt den Chauvinismus mit dem Nationalismüs). „…die europäische Integrationsbewegung der Nachkriegszeit (verdankt) ihre Existenz weitgehend einem Irrtum…” Fleig sieht die Lösung in der Zusammenarbeit der einzelnen Nationalstaaten Europas, da das Denken in Nationalstaaten „begriffsmäßig eine Pluralität innerhalb einer gleichberechtigten, demokratisch strukturierten Staatengesellschaft” voraussetzt. Zur Zusammenarbeit der Nationalstaaten Europas „ist kein europäischer überstaatr erst recht kein ideologisch fundiertes Europareich nötig…”

Von der konnationalistischen Konzeption Ferenc Szálasis hat Fleig wahrscheinlich nie gehört-, in seiner Gedankenführung kommt er trotzdem zu Ergebnissen, die an den Konnationalismus erinnern. Es ist auch nicht ausgeschlossen, daß er sich freudig auf diesen, seine Auffassung ebenfalls voll treffenden, sie prägnant ausdrückenden Begriff stürzen würde, wenn er von ihm hörte. Auf jeden Fall beweist seine Artikelserie, daß der ideologische Nebel, der sich nach dem zweiten Weltkrieg, und als Folge dessen, mit seinen Voreingenommenheiten, Vorurteilen und seiner Blindheit auf die europäischen Gehirne gelegt hat, sich langsam auflöst, und die immer klarer sichtbar werdenden Wahrheiten und Tatsachen eine richtige weltanschauliche Orientierung in zunehmendem Maße ermöglichen. Was bedeuten und enthalten eigentlich Begriff und Ideologie des „Konnationalismus”?

Der Begriff selbst bedeutet den Einklang, das Aufeinander-abgestimmt-Sein der Nationalismen; nicht nur ihr ungestörtes Nebeneinander, ihre Vereinbarkeit, sondern auch ihr positives Zusammenwirken, ihr produktives und konstruktives Miteinander: zugunsten primär der eigenen Nation, mittelbar aber auch der ganzen Nationengemeinschaft. Das Prinzip des Konnationalismus folgt logisch aus der oben gegebenen Definition des Nationalismus. Es erhält aufrecht und unterstreicht sogar, daß die Nation, in der weiterhin ein erhabener Wertbegriff gesehen wird, Selbstzweck ist. Es stellt aber auch in Rechnung, daß im auf kontinentaler Basis vor sich gehenden weltanschaulichen Ringen des 20. Jahrhunderts und unter den Bedingungen moderner Technik die Zusammenarbeit mit anderen Nationen ein Gebot des nationalen Eigeninteresses, eine Voraussetzung für die maximale Entfaltung der geistigen, moralischen und materiellen Leistungsfähigkeit der eigenen Nation ist. Die konnationalistische Nationengemeinschaft ist also kein Selbstzweck; sie ist Mittel zum Zweck des nationalen Seins. Sie gewährleistet, daß die einzelnen Mitgliedsnationen nicht auf Kosten der anderen Nationen, sondern zugunsten der eigenen Nation nationalistisch sind. Chauvinismus würde diese Gemeinschaft und Gemeinsamkeit der Nationen nicht nur sprengen, sondern bereits ihr Zustandekommen verhindern. Unter den modernen geschichtlichen Bedingungen würde er letzten Endes der eigenen Nation schaden. Sein Gegenpol, der Internationalismus, ist dagegen eine nicht realisierbare, destruktive, zur Gemeinschaftsbildung unfähige Irrlehre, weil er durch die Umgehung, die Ignorierung der Nationen die Subjekte der Vereinigung auszuschalten bestrebt ist. Eine Nationengemeinschaft können nur in jeder Hinsicht autonome, selbstbewußte Nationen bilden; eine Vielzahl von Individuen, soziale Klassen oder andere, der Nation nachgeordnete Kollektive können dieser Aufgabe nicht gerecht werden. Wie könnte man gerade die Nation, jene Gemeinschaft „überspringen”, die allein über die staatsbildende Fähigkeit verfügt. Aus diesem Grunde ist jede Träumerei über einen „internationalen” oder „übernationalen” Staat eine reine Utopie, im besten Falle eine törichte Illusion! Es sind nun schon mehr als zwei Jahrzehnte her, daß Ferenc Szálasi[2] mit dem konnationalistischen Prinzip die allein realisierbare, in die Praxis umsetzbare Konzeption der zwischennationalen Einigung und Zusammenarbeit oder, wenn es gefällt, „Integration” formuliert hat. Die geschichtliche Konstellation, in der er politisch tätig war, hat es nicht erlaubt, daß er selbst an der Verwirklichung der konnationalistischen Ordnung unter den Nationen hätte arbeiten können. Seine Anhänger und Gefolgsleute, die die Katastrophe des zweiten Weltkrieges und die auf auf ihn folgende fürchterliche Zeitspanne überlebt haben, haben nicht nur die Verpflichtung, über sein ideologisches und politisches Vermächtnis zu wachen, sondern es von seinem grundsätzlichen Standpunkt heraus auch weiterzubilden, auszubauen, zu konkretisieren, zur Praxis hin zu entwickeln. Nur die Ideologie lebt, die sich entwickelt und die entwickelt wird. Unserer diesbezüglichen Arbeit sind dadurch in vieler Hinsicht schmerzlich enge Grenzen gezogen, daß wir heimatlose, im Exil lebende Hungaristen sind. Das kann uns aber nicht daran hindern, aus den Erfolgen und Mißerfolgen, dem Voranschreiten und Zurückweichen der gegenwärtigen „Integrationsbestrebungen” grundsätzliche und praktische Folgerungen zu ziehen und sie in das hungaristisch-konnationalistische System von Ferenc Szálasi hineinzubauen. Seit seinem Märtyrertod hat sich das Rad des Weltgeschehens weitergedreht: Staatslehre, Soziologie, Volkswirtschaftslehre, Staatsrecht und internationales Recht haben sich weiterentwickelt; die moderne Technik wurde von der militärischen und wirtschaftlichen Verwendung der Atomenergie und der Einführung der automatischen industriellen Produktionsweise revolutioniert; diese Faktoren begannen die bisherige Gesellschaftsstruktur umzuformen; die weltpolitische und ideologische Kräftekonstellation veränderte sich von Grund auf. Das alles müssen wir ideologisch verdauen, das uns hinterlassend hungaristische Ideensystem verbreitern, das in unsere Hände gegebene Gewebe der Grundsätze und politischen Normen weiterweben — und auf allen Seiten und in jede Richtung!

Unter Konnationalismus verstand Ferenc Szálasi zweifellos eine nationengemeinschaftliche (zwischennationale) Ordnung. Ordnung heißt soviel wie Geregelt-Sein; nationengemeinschaftlich’e Ordnung heißt soviel wie das Geregelt-Sein, Aufeinander-abgestimmt-Sein der der nationalen Existenz und dem Nationalismus entspringenden Lebensfunktionen der teilnehmenden Nationen. Die Voraussetzung dafür, daß eine solche Ordnung verwirklicht werden kann, ist, daß die Teilnehmer in grundlegenden, prinzipiellen, ideologischen und weltanschaulichen Fragen einen gemeinsamen Standpunkt einnehmen. Das den ganzen Erdball umfassende, internationale Wirtschaftssystem konnte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch nur deswegen zustande kommen, weil es im liberalen Kapitalismus eine gemeinsame, allgemein anerkannte ideologische Grundlage hatte. Wenn diese Voraussetzung gegeben ist, kann mit der Formulierung und institutionellen Sicherung der „Spielregeln” begonnen werden, denen die Lenkung der konnationalistischen Ordnung, die Steuerung der zwischennationalen Funktionen obliegt. Die Annahme zwischenstaatlicher Verträge unter Aufrechterhaltung der uneingeschränkten staatlichen Souveränität der vertragschließenden Partner wird für diesen Zweck kaum genügen, weil sonst in gegebenem Fall und aus selbstsüchtigen Gründen jeder teilnehmende Staat die nationengemeinschaftliche Ordnung willkürlich kündigen könnte und es kein Mittel gäbe, dies zu verhindern. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß dies eben in Augenblicken eintreten würde, in welchen sich die nationengemeinschaftliche Ordnung am meisten zu bewähren hätte. Die konnationalistische Konzeption ist mit einer nationengemeinschaftlichen Organisation, in welcher die teilnehmenden Nationalstaaten einen Teil ihrer Souveränität auf gewisse gemeinsame Organe, Institutionen, übertragen hatten, sehr wohl vereinbar. Diesen Organen obliegt es, die Dauerhaftigkeit, Wirksamkeit und gleiche Chancen bietende allgemeine Gültigkeit der gemeinschaftlichen Ordnung zu garantieren. Ohne die Rechtsordnung, Wirtschafts-, Währungs- und Finanzpolitik der Teilnehmer aufeinander abgestimmt zu haben, wird die konnationalistische Nationengemeinschaft kaum zu verwirklichen sein. Auf gemeinsamer ideologischer Grundlage ist all das zu lösen.

Da aber in der konnationalistischen Nationengemeinschaft die Nationen als Einheiten teilnehmen und aus ihrem Nationalismus heraus die größtmögliche Entfaltung ihrer spezifischen Eigenart, ihrer Kraftquellen und Fähigkeiten anstreben, dürfen weder die nationengemeinschaftlichen Organe noch die Angleichung der nationalen Institutionen diese Bestrebung behindern. Im Gegenteil: Die Gemeinschaft muß so großzügige Bedingungen schaffen, daß unter ihnen die nationale Selbstentfaltung für jeden Teilnehmer unter gleichen Chancen in erhöhtem Maße möglich wird. Die Aufgabe der nationengemeinschaftlichen Organe kann also nicht das Regieren und das Eingreifen in das Leben der einzelnen Mitgliedsnationen sein, sondern die Konstituierung der nationengemeinschaftlichen Lebens- und Wettbewerbsordnung. Im späteren Verlauf müssen sie über die Einhaltung der „Wettbewerbsbedingungen”, der „Spielregeln” wachen. Der Konnationalismus schließt nämlich den zwischennationalen Wettbewerb nicht aus; im Gegenteil: er erheischt ihn und sichert seinen den Regeln entsprechenden Ablauf.

Diese Aufgabe ist im Wesen identisch mit jener, die die einzelnen Nationalstaaten lösen müssen, wenn sie eine wirtschaftliche Wettbewerbsordnung in der Marktform der vollständigen Konkurrenz etablieren oder ihr zumindest nahekommen wollen. Wie auch in der Verkehrswirtschaft vollständiger Konkurrenz die staatliche Wirtschaftspolitik gewährleistet, daß die einzelnen Betriebe und Haushaltungen gemäß der gültigen Wettbewerbsordnung miteinander konkurrieren Und jeden Versuch zur Umwerfung oder Umgehung dieser Ordnung, monopolistische Praktiken, Kartellbildungen, Machtgruppierungen unterbindet, ebenso gewährleisten die nationengemeinschaftlichen Institutionen, daß der zwischennationale Wettbewerb unter Beobachtung der konnationalistischen Ordnungsregeln verläuft. In das Leben, die Kraftentfaltung der Mitgliedsnationen greifen sie nicht unmittelbar ein; ihre Tätigkeit kann mit einer Flußregulierung verglichen werden, die Überschwemmungen zwar verhindert, aber an der abfließenden Wassermenge nichts ändern kann.

Unmittelbare Interventionen, direkte Einflußnahmen auf das Leben der einzelnen Mitgliedsnationen sind nicht nur unerlaubt, sondern praktisch auch unmöglich, weil sie die Zerstörung der Nationengemeinschaft zur Folge hätten. Interveniert kann nämlich nur zugunsten des einen und zuungunsten des anderen werden. Sogar im Fall, da ßdas nationengemeinschaftliche Organ von einem menschlich kaum erreichbaren Gerechtigkeitssinn, einer ebensolchen Objektivität und Unparteilichkeit durchdrungen ist, würden in seinen Interventionen eine oder mehrere Nationen ihre ungerechte Benachteiligung erblicken. Jede Mitgliedsnation wäre bestrebt, das gemeinsame Organ zu Interventionen zu veranlassen, die den eigenen Interessen dienlich sind; hierdurch würden die alten zwischennationalen Gegensätze in die gemeinsamen Organe verlegt und sie mit psychologischer Notwendigkeit sprengen. Aus diesem Grund müßten sich die gemeinsamen Institutionen darauf beschränken, allgemeingültige Rahmen und Bedingungen für die konnationalistische Lebens- und Wettbewerbsordnung zu schaffen und sie zu garantieren; den Ausgang des Wettbewerbs müßten sie jedoch der Tüchtigkeit, Leistungsfähigkeit, geistigen und biologischen Vitalität der einzelnen Mitgliedsnationen überlassen. Es versteht sich von selbst, daß dieser institutionelle, und dabei korrekte Leistungswettbewerb jede Mitgliedsnation zur maximalen Entfaltung ihrer Kraft und Fähigkeiten veranlassen würde, was ihre, im Vergleich zu den außenstehenden Nationen, schnellere Entwicklung mit sich brächte. Auf diese Weise könnte es unser altes Europa auch mit Amerika und Rußland aufnehmen.

Aber nicht nur, daß die konnationalistische Wettbewerbsordnung der verkehrswirtschaftlichen Wettbewerbsordnung ähnelt, sondern sie ist auf wirtschaftlichem Gebiet gar nicht anders durchzuführen. Bei dieser Überlegung wird es einem klar, daß die politische Ordnung der Nationengemeinschaft niemals allein und isoliert, sondern nur in engster Übereinstimmung mit den staatlichen, gesellschaftlichen, rechtlichen usw. Ordnungen der Gemeinschaft und der einzelnen Mitgliedsnationen zu verwirklichen ist. Wenn die politische Ordnung der Nationengemeinschaft eine Wettbewerbsordnung ist, kann auch ihre Wirtschaftsordnung keine andere sein; und wenn die Wirtschaftsordnung der Gemeinschaft eine wettbewerbliche ist, so können auch die einzelnen Mitgliedsnationen keine, sagen wir: zentralverwaltungswirtschaftliche Politik, sondern nur eine auf identischen ordnungspolitischen Grundsätzen beruhende verkehrswirtschaftliche Politik treiben. Dieser müssen sich dann die spezifischen Ordnungen eines jeden anderen Fachgebietes angleichen. Wenn die grundlegende und grundsätzliche ordnungspolitische Entscheidung gefallen ist, muß sie auf allen, und nicht nur auf manchen, Gebieten durchgeführt werden. Dieses Erfordernis ist nichts anderes als das der gegenseitigen organischen Abhängigkeit, der „Interdependenz” der Ordnungen einzelner Fachgebiete: die eine muß die andere, die untergeordneten die übergeordneten, die beigeordneten einander ergänzen — eine jede von ihnen ist mit allen anderen komplementär.

Wenn wir auf konnationalistischer Grundlage stehen und dieser Standpunkt von uns nicht nur als leere Phrase, sentimentaler Hang an den Überlieferungen unserer Bewegung gelten soll, müssen wir uns eingehend mit der grundsätzlichen und praktischen Problematik der nationengemeinschaftlichen Ordnung befassen. Ihr werden wir, wenn die Freiheit unseres Vaterlandes zurückgewonnen wird, ohnehin gegenübergestellt. Für den Neuaufbau Ungarns bereitet sich derjenige vor, der sich mit dieser Problematik auf eine konkrete Art und Weise schon hier im Exil beschäftigt. „Auf eine konkrete Art und Weise”: das heißt, nicht nur mit ihrer prinzipiellen, ideologischen und politischen, sondern auch mit ihrer wirtschaftlichen, verwaltungsmäßigen, kulturpolitischen, privat-, verfas- sungs- und international-rechtlichen Seite. Die Übertragung der Grundsätze in die Einzelheiten der Fachgebiete ist gleichbedeutend mit der theoretischen Lösung ihrer Verwirklichung, mit der Fertigstellung des Planes ihrer Praxis. In der Konzeption von Ferenc Szálasi ist die konnationalistische nationengemeinschaftliche Ordnung der Rahmen für die hungaristische nationale Ordnung: beide bilden ein organisches Ganzes, beruhend auf einem einheitlichen Prinzip. Nationalismus kann sich unter den gegenwärtigen historischen Umständen nur auf konnationalistischer Grundlage erfüllen. Diese These ist aber auch umgekehrt gültig: die Vereinigung und Zusammenarbeit freier Nationen setzt ihren Nationalismus voraus.

[1] Ungarischer Staatsmann und Reformer (1791-1860), der von seiner dankbaren Nation den Beinamen „der größte Ungar” erhielt.

[2] Gründer und langjähriger Führer der ungarischen Pfeilkreuzler-Partei Hungaristischen Bewegung; vom 15. Okt. 1944 bis zum Zusammenbruch letztes verfassungsmäßiges Staatsoberhaupt Ungarns; vom bolschewistischen Volksgerichtshof zum Tode verurteilt, starb er am 12. März 1946 den nationalen Märtyrertod.

(Visited 35 times, 1 visits today)
Vélemény, hozzászólás?

Ez a weboldal az Akismet szolgáltatását használja a spam kiszűrésére. Tudjunk meg többet arról, hogyan dolgozzák fel a hozzászólásunk adatait..